Westflügel

Die Städtische Galerie präsentiert ihre Dauerausstellung im Westflügel von Schloss Wolfsburg, der denkmalgerecht saniert wurde und im Jahr 2002 feierlich eröffnet werden konnte. Auf zwei Etagen (370 qm) wird unter dem Titel "Bestandsaufnahme" eine Auswahl des Sammlungsbestands gezeigt. Die Räume im Westflügel sind kleinteilig und dienten bis 1942 den Grafen von der Schulenburg als Wohn- und Schlafräume. Ein besonderer Ort ist die "Silberkammer", die zu dem mittelalterlichen Bergfried gehört und ins 14. Jahrhundert datiert wird. Sie dient heute als "black box". Historische Architektur und zeitgenössische Kunst stehen bei jeder Ausstellung im Dialog. Für die Präsentation der Sammlung steht das Schaffen neuer Zusammenhänge, Verbindungen und Fusionen im Vordergrund. So wurde eine heterogene, nicht an Medien orientierte Konstellation erarbeitet, in der sich Installationen, Videoprojektionen, Malerei, Grafik und Skulptur direkt ins Verhältnis setzen lassen. Da der Präsentationsort Westflügel keinen neutralen Ausstellungsraum darstellt, sondern mit Wucht Geschichte und Geschichten in die zeitgenössischen Exponate einschreibt, sind alternative Modelle der Ausstellungsgestaltung unabdingbar.

Im Zentrum der Museumsarbeit der Städtischen Galerie und vor dem Hintergrund der Unmöglichkeit eines globalen, kunstgeschichtlich vollständigen Sammelns, steht das Ziel, individuell-substanzielle, zeitgenössische Positionen aufzuspüren, um damit ein unverwechselbares und eigenständiges Sammlungsprofil auszubilden.

Gesammelt wird seit den 1950er Jahren insbesondere Malerei und Skulptur nach 1945 aus dem deutschsprachigen Raum. Im Bereich der Neuen Medien, Video, Film und Fotografie sowie den druckgrafischen Medien wird international gesammelt, um bereits vorhandene Sammlungsschwerpunkte zu erweitern, neue Entwicklungslinien aufzuweisen und die Wechselwirkung über nationale und mediale Grenzen hinweg sichtbar zu machen.

Mit herausragenden Werken bedeutender künstlerischer Positionen ist es der Sammlung heute möglich, die wichtigsten Tendenzen, insbesondere der deutschen Kunstgeschichte, in einen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang zu stellen, auf besondere ästhetische Traditionen zu verweisen und zugleich die Anbindungen zu aktuellen künstlerischen Entwicklungen und Strömungen herzustellen. Damit leistet die Städtische Galerie nicht nur einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag, sondern trägt auch wesentlich zur Entwicklung der kulturellen Identität in der Region bei. Seit Langem tragen dazu in besonderer Weise auch die vielen künstlerischen Arbeiten der Sammlung bei, die raum- und kontextbezogen für das Museum entwickelt wurden und in ihrem in situ Charakter das Sammlungsprofil bereichern und das Publikum zum aktiven Sehen, zum Dialog und zur Partizipation einladen. 1945 hat die jüngste Geschichte bis zu unserer Gegenwart gezeigt, dass die Frage, was Kunst heute eigentlich ist, immer wieder neu verhandelt und jede Generation ihre eigene Kunst und Geschichte sich immer wieder neu erschließen muss.

Am 8. Februar 2019 um 18 Uhr wird die "Bestandsaufnahme VII" mit dem Titel "DEINE KUNST" (Das Schweigen der Bilder) eröffnet, die von dem in Berlin lebenden Künstler Michael Müller kuratiert wird.

Das Werk von Michael Müller entwickelt sich entlang bestehender historischer Narrative, Methoden und gesellschaftlicher Normen: durch fiktionalisierende Modifikationen lotet er die Grenzen dieser Systeme aus. Seine Praxis setzt sich mit der Bildwerdung komplexer Gedankenprozesse auseinander. Transformationen, die durch unterschiedlichste Methoden eine langsame, aber stetige Aneignung bedeuten. Wenngleich Müller hauptsächlich für seine Zeichnungen und Gemälde bekannt ist, verbindet sein intermedialer Ansatz Skulptur, Installation und Performance Kunst mit kuratorischer Praxis. So ist er einer der Initiatoren der Kunstsaele Berlin und kuratiert dort regelmäßig neben seiner künstlerischen Tätigkeit. Das Themenspektrum des vielseitigen Künstlers erstreckt sich von Literatur, Sprache, Schrift, Musik und Tanz, über Mythologie und Natur, Religion und deren Rituale, über Geschlechteridentität oder Kleidung bis zum Betriebssystem Kunst.

Nun setzt er sich mit der Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg auseinander, rückt in diesem Zusammenhang Original und Kopie in den Fokus: das Mit-, Neben- und Gegeneinander von Individuellem und Übernommenem, Originalität und Traditionsbezug, Stil und Zitat, Hommage und Plagiat. Er ordnet, sortiert und stellt ganz neue überraschende Bezüge her. Auch Leerstellen werden dabei eine Rolle spielen.

Michael Müller (geb. 1970 in Ingelheim am Rhein, Deutschland) lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Bildhauerei bei Magdalena Jetelová an der Kunstakademie Düsseldorf, Deutschland. Von 2015 bis 2018 lehrte er als Professor an der Universität der Künste Berlin (UdK).