Benno Wundshammer und die ersten „Gastarbeiter“ in der Volkswagenstadt (1962)

Die Städtische Galerie Wolfsburg zeigt zusammen mit dem Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation und den Kooperationspartnern bpk-Bildagentur sowie der Italienischen Konsularagentur Wolfsburg eine Ausstellung mit Fotografien des Pressefotografen Benno Wundshammer (1913 – 1986).

Die Präsentation beschäftigt sich mit einer Reportage über die ersten italienischen Arbeitskräfte in Wolfsburg, die der Pressefotograf Benno Wundshammer im Jahr 1962 in der Volkswagenstadt erarbeitet hat. Der Titel lautete: „Brauchen wir denn wirklich diese Italiener?“ Die Reportage wird begleitet von einer Vielzahl aussagekräftiger Fotografien, die die eigenwillige Diktion des Textes illustrieren und im Zentrum der Ausstellung stehen. Fotografie und Text führen zurück in die Anfänge der bis heute andauernden Geschichte der Italiener und Italienerinnen in Wolfsburg, die aus dem heutigen Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind.

Nur wenige Monate nachdem Benno Wundshammer im Mai 1962 für eine Woche in Wolfsburg weilte, um für seine Reportage zu recherchieren, schickte der Soziologe Hermann Hilterscheid im Rahmen seiner an der Freien Universität Berlin entstehenden Dissertation Mitte Oktober 1962 ein dreiköpfiges Team an Nachwuchssoziologen in mehr als 150 Wolfsburger Haushalte der Innenstadt, um deren Bewohnerinnen und Bewohner hinsichtlich ihres Grads an politischer Partizipation und Anteilnahme zu interviewen. Im umfangreichen Leitfaden finden sich auch zwei Fragen, die sich auf die Italiener in Wolfsburg beziehen. So hieß es unter Position 37: „Seit Anfang dieses Jahres leben in Wolfsburg Italiener, die im Volkswagenwerk arbeiten und in den Unterkünften an der Berliner Brücke wohnen. Es sollen noch weitere italienische Arbeitskräfte – insgesamt etwas über 4.000 – nach Wolfsburg kommen. Wie denken Sie darüber?“ Die in den Erhebungsbögen dokumentierten Antworten zeichnen ein anschauliches Bild, das uns gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster und Reaktionen jener Tage – vor allen Dingen aus der überwiegend interviewten unteren Mittelschicht – weitgehend ungefiltert näherbringt. Die in der Ausstellung auf einer Audiostation in Auswahl wiedergegebenen Stimmen zeigen deutlich, dass ein großer Teil der Befragten sich mehr schlecht als recht mit den neuen Mitbürgern zu arrangieren wusste. Nur vereinzelt finden sich in den Interviewniederschriften aus heutiger Sicht als tolerant zu bezeichnende, unaufgeregt dargelegte Positionen.

Mit freundlicher Unterstützung des Lüneburgischen Landschaftsverbandes.

Als Begleitpublikation zur Ausstellung erscheint die Ausgabe #015 von "Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte" mit Texten von Dora Balistreri, Sebastian Kindler, Alexander Kraus, Katia Cutrone und Violetta Rudolf.

Termine

  • 29. August 2019 13.00 Uhr
    Pressetermin Ablauf

    Begrüßung:
    Susanne Pfleger, Direktorin der Städtischen Galerie Wolfsburg

    Anita Placenti-Grau, Leiterin Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)

    Einführung:

    Alexander Kraus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)

    Grußwort: Dora Balistreri, Italienische Konsularagentur Wolfsburg

    Grußwort: Dennis Weilmann, Kulturdezernent der Stadt Wolfsburg

  • 31. August 2019 18.00 Uhr
    Ausstellungseröffnung

    Es sprechen:

    Susanne Pfleger, Direktorin der Städtischen Galerie Wolfsburg

    Alexander Kraus, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)

  • 03. September 2019 18.00 Uhr
    Kuratorenführung

    In einer dialogischen Führung präsentieren der Kurator der Ausstellung, Alexander Kraus (IZS), und die Direktorin der Städtischen Galerie Wolfsburg, Susanne Pfleger, einige ausgewählte Arbeiten und freuen sich auf den Austausch dazu mit dem Publikum.

  • 10. September 2019 18.00 Uhr
    Lesung und Diskussion

    Jan Plamper: „Das neue Wir. Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen“ Lesung und anschließende Diskussion. Moderation: Alexander Kraus (IZS)

    Der Klappentext zum Buch: "Es ist an der Zeit, die Einwanderung nach Deutschland neu zu erzählen - als Teil der deutschen Geschichte nach 1945 und als Erfolgsgeschichte. Denn Deutschland ist längst ein Einwanderungsland wie die USA oder Kanada. Der Historiker Jan Plamper verwebt die Geschichten der schlesischen Vertriebenen, der "Gastarbeiter" aus Italien und der Türkei, der DDR-"Vertragsarbeiter" aus Mosambik und Vietnam, der Aussiedler aus der Sowjetunion und der Flüchtlinge aus vielen weiteren Ländern zu einer anderen Geschichte der Migration. Jan Plamper schreibt bewusst nicht über "Ströme" und nur wenig über Zahlen, er erzählt von den Menschen, den Dazugekommenen und Alteingesessenen. Die Migranten und ihre Kinder und Enkel haben Deutschland seit 1945 wesentlich mitgeprägt, ob als Handwerker und Einzelhändlerinnen, als Anwälte und Ärztinnen oder als Prominente in Literatur und Pop, im Fernsehen oder in der Politik."

    Der Historiker Jan Plamper (* 1970 in Laichingen) promovierte 2001 bei Yuri Slezkine an der University of California, Berkeley mit einer Arbeit über den Personenkult Josef Stalins. Von 2001 bis 2008 war er wissenschaftlicher Assistent bei Dietrich Beyrau am Institut für Osteuropäische Geschichte der Eberhard Karls Universität Tübingen, von 2008 bis 2012 Dilthey Fellow der Fritz Thyssen Stiftung in Ute Freverts Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Plamper war außerdem Förderstipendiat am Historischen Kolleg in München und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Imre Kertész Kolleg Jena und Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald.

    Seit 2012 ist er Professor für Geschichte am Goldsmiths College der University of London. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem Osteuropäische Geschichte, Emotionsgeschichte, Sinnesgeschichte sowie Migrationsgeschichte.

  • 13. September 2019 10.00 Uhr
    Zum Aperitif in die Ausstellung

    Durchgehende Öffnungszeiten mit Aperitif für die Gäste des Konzertes der Italienischen Konsularagentur Wolfsburg im Gartensaal.

  • 01. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Gespräch in der Ausstellung

    „Fotografie im Dialog: Reportagefotografie zwischen Kunst und Geschichte.“ Andreas Beitin (Direktor Kunstmuseum Wolfsburg) im Gespräch mit Alexander Kraus (IZS)

  • 04. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Zum Aperitif in die Ausstellung

    Durchgehende Öffnungszeiten mit Aperitif für die Gäste des Konzertes der Italienischen Konsularagentur im Gartensaal.

  • 08. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Gespräch in der Ausstellung

    „Fotografie im Dialog: Fotojournalismus als Spiegel der sozialen Wirklichkeit?“ Barbara Hofmann-Johnson (Leiterin Museum für Photographie Braunschweig) im Gespräch mit Alexander Kraus (IZS)

  • 15. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Podiumsdiskussion

    „Das Bild des Italieners."

    Mit Daniela Cavallo (stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei der Volkswagen AG), Hans Karweik (Journalist), Marlies Ottimofiore (ehemalige Mitarbeiterin der Italienischen Konsularagentur), Eleonora Marrone (Geschäftsführerin des Vini D’Italia), Rocco Artale (einer der ersten „Gastarbeiter“ in Wolfsburg, ehemaliger Gewerkschaftssekretär und Stadtrat, Mitbegründer des Wolfsburger Ausländerbeirats und Ehrenbürger der Stadt Wolfsburg).

    Moderation: Dora Balistreri (Italienische Konsularagentur Wolfsburg) und Alexander Kraus (IZS)

  • 22. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Vortrag

    Michael Siems: „Arbeiten, wohnen, mitbestimmen – Wandel migrantischen Lebens in Wolfsburg zwischen den 1960er und 1970er Jahren.“ Moderation: Alexander Kraus (IZS)

    Das immer noch vergleichsweise junge Wolfsburg wuchs binnen weniger Jahrzehnte zu einer Großstadt und einem bedeutenden Industriestandort. Diese Entwicklung prägten nicht zuletzt zehntausende Migranten und Migrantinnen, die vor allem zwischen 1962 und 1973 als „Gastarbeiter“ oder als deren Angehörige in die Stadt kamen. Sie kamen vorrangig aus dem Mittelmeerraum, die meisten aus Italien. Die Ölkrise und der damit verbundene Anwerbestopp im Winter 1973 können durchaus als Zäsur in der Migrationsgeschichte der Stadt gelten, nicht jedoch als totaler Bruch. Schon zuvor und noch lange danach veränderte sich das Leben der Migranten und Migrantinnen in Wolfsburg anders als das der „Einheimischen“. Remigration, Pendelmigration und Sesshaftwerden verweisen auf heterogene Interessen und Lebensentwürfe und auch im Hinblick auf ihre materiellen Interessen, Bildungsambitionen und den Wunsch nach politischer Teilhabe ergibt sich ein komplexes Bild der Migrantinnen und Migranten.
    Ziel des Vortrags ist es, die grundsätzlichen Entwicklungstendenzen der 1960er und 1970er Jahre aufzuzeigen, ohne die Vielfalt und die Widersprüche aus dem Blick zu verlieren. Dabei werden vor allen die Teilhabe am Arbeitsmarkt, die sich wandelnden Wohnverhältnisse und das Streben nach Mitbestimmung in Lokal- und Unternehmenspolitik vorgestellt.

    Michael Siems arbeitet als freier Mitarbeiter des IZS an einer Geschichte des Integrationsreferats der Stadt Wolfsburg. Er studierte Geschichte an der WWU Münster, seine Masterarbeit verfasste er zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Wolfsburg.

  • 29. Oktober 2019 18.00 Uhr
    Interaktive Bildbetrachtung

    „Sei foto, sei punti di vista“. In jeweils fünf bis zehn Minuten analysieren und diskutieren Italienerinnen, Italiener und Italienkenner eine Fotografie aus der Ausstellung.

    Mit Silvestro Gurrieri (Vorstandsvorsitzender des Kunstvereins creARTE e.V.), Paola Massei (Künstlerin und Angestellte bei der Volkswagen AG), Quinto Provenziani (Künstler), Fabio Schillaci (Stabstelle für Sonderplanungen und Projektsteuerung der Stadt Wolfsburg), Anke-Catrin Paulsen (Geschäftsführerin des Vereins Freunde und Förderer der italienischen Kultur in Wolfsburg e.V.), Anita Placenti-Grau (Leiterin des IZS).

    Moderation: Dora Balistreri (Italienische Konsularagentur Wolfsburg) und Alexander Kraus (IZS)

Presse

Detaillierte Informationen zu der Ausstellung stehen Ihnen im Pressebereich auf dieser Seite zur Verfügung. Sollten Sie Fragen zu dieser Ausstellung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter.
Telefon: +49.5361.281017

Presse

Zu dieser Ausstellung gibt es hier für Medienvertreter/innen die gesammelten Presseinformationen zum Download.
Für Rückfragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.
– Download (Dokument: DOC, 747kb)

Pressebilder zum Download: